Wer Island zum ersten Mal aus dem Flugzeugfenster sieht, traut seinen Augen kaum. Schwarze Lavafelder, weiße Gletscher, türkisfarbene Gletscherflüsse und dampfende Erdspalten liegen so dicht beieinander, dass die Landschaft wie ein Lehrstück der Geologie wirkt. Die Insel liegt auf dem Mittelatlantischen Rücken, wo die Eurasische und die Nordamerikanische Platte auseinanderdriften. Das erklärt, warum Island pro Jahr um etwa 2,5 Zentimeter breiter wird und gleichzeitig von intensiver Vulkantätigkeit geprägt ist. Für Naturreisende ist das ein Umstand, der kein anderes Reiseziel in Europa bietet.
Drei Nationalparks, drei völlig verschiedene Welten
Island besitzt drei offizielle Nationalparks. Sie unterscheiden sich so stark voneinander, dass ein Vergleich kaum möglich ist. Gemeinsam haben sie lediglich, dass Eingriffe in die Natur streng reguliert sind und das Wegenetz bewusst begrenzt bleibt. Wer abseits markierter Pfade wandert, riskiert nicht nur hohe Bußgelder, sondern beschädigt oft auch empfindliches Moos, das Jahrzehnte braucht, um sich zu erholen.
Der bekannteste unter ihnen ist Islands ältester Nationalpark, Þingvellir, der seit 2004 zum UNESCO-Welterbe gehört. Hier treffen tektonische Geschichte und isländische Demokratiegeschichte aufeinander: Im Jahr 930 versammelten sich hier die ersten Siedler zum Althing, dem ältesten Parlament der Welt. Bis zu 1,5 Millionen Besucher kommen jährlich, trotzdem wirkt das Gebiet erstaunlich unberührt, weil die meisten Touristenströme auf wenige Hauptwege konzentriert bleiben.
Vatnajökull im Südosten ist mit rund 14.100 Quadratkilometern der größte Nationalpark Europas und bedeckt fast 14 Prozent der Insel. Unter dem Gletscher schlummern mehrere aktive Vulkane. Der Ausbruch des Grímsvötn im Jahr 2011 schleuderte eine Aschewolke 20 Kilometer in die Höhe. Der Park enthält außerdem den Jökulsárlón, eine Gletscherlagune, in der Eisberge mit einer Driftgeschwindigkeit von bis zu einem Kilometer pro Jahr ins Meer treiben. Wer hier steht, versteht ohne Erklärung, was Klimawandel bedeutet: Der Gletscher zieht sich seit den 1970er-Jahren messbar zurück.
Im Norden liegt Snæfellsjökull, deutlich kleiner, aber nicht weniger spektakulär. Der gleichnamige Vulkan mit Gletscherkappe ist von der Ringstraße aus sichtbar und inspirierte Jules Verne zu seinem Roman „Reise zum Mittelpunkt der Erde“. Der Park umfasst Lavahöhlen, Vogelklippen und Lavastrände aus schwarzem Basalt.
Das Hochland: Wüste aus Lava und Asche
Außerhalb der Nationalparks erstreckt sich das isländische Hochland, isländisch Hálendið, über weite Teile des Landesinneren. Es ist eine der letzten echten Wildnissen Europas. Besiedlung fehlt vollständig, Straßen gibt es nur als Schotterpisten, sogenannte F-Straßen, die ohne Allradfahrzeug unpassierbar sind. Das Hochland öffnet sich typischerweise erst zwischen Juni und September, abhängig von Schneelage und Bodenfrost.
Besonders bekannt ist die Landmannalaugar-Region im Südhochland, ein Gebiet aus bunten Rhyolithbergen in Orange, Grün, Gelb und Rot. Die Farben entstehen durch unterschiedliche Mineralzusammensetzungen in den Gesteinen. Ein natürlicher Warmwasserpool direkt an der Busstation hat die Region zum Ausgangspunkt des Laugavegur-Trekkings gemacht, einem der bekanntesten Fernwanderwege Islands über 55 Kilometer bis nach Þórsmörk.
Geothermal und Wasserfall: Landschaften, die sich bewegen
Was Island von anderen Naturreisezielen unterscheidet, ist die Dynamik seiner Landschaft. Sie verändert sich sichtbar. Geysire stoßen in unregelmäßigen Abständen kochendes Wasser aus. Der Strokkur im Geysir-Geothermalgebiet im Süden bricht alle fünf bis zehn Minuten aus und schleudert Wasser bis zu 30 Meter in die Höhe. Der große Geysir, nach dem alle Geysire der Welt benannt sind, ist seit einem Erdbeben 2000 wieder aktiv, aber unregelmäßig.
Wasserfälle gehören zum isländischen Landschaftsbild wie sonst nirgends. Der Gullfoss, Teil des Tourismusformats „Goldener Kreis“, führt pro Sekunde bis zu 140 Kubikmeter Wasser. Der Skógafoss im Süden fällt 60 Meter tief und liegt so nah am Wanderweg, dass man direkt durch die Gischt gehen kann. Weniger bekannt, aber eindrucksvoller: Aldeyjarfoss im Norden, umgeben von Basaltsäulen, die wie ein geometrisches Muster aus dem Boden ragen. Über die geologischen Hintergründe Islands hat Wikipedia einen ausführlichen Überblick, der die tektonischen Zusammenhänge anschaulich erklärt.
Tierwelt zwischen Puffin und Polarfuchs
Die Fauna Islands ist überschaubar, aber charakteristisch. Über 300 Vogelarten wurden nachgewiesen, rund 30 davon brüten regelmäßig. Der Papageientaucher, isländisch Lundi, gilt als inoffizielles Nationaltier. Die größten Kolonien befinden sich auf den Vestmannaeyjar, einer Inselgruppe vor der Südküste, mit schätzungsweise 800.000 bis einer Million Brutpaaren. Zugvögel wie der Goldregenpfeifer oder der Knutt nutzen Island als Zwischen- oder Brutstation auf dem Weg zwischen Europa und der Arktis.
An Land ist der Polarfuchs das einzige einheimische Landsäugetier. Alle anderen Säuger, darunter Rentiere im Osten, wurden eingeführt. Wale sind in den Fjorden und vor der Küste präsent: Minke, Buckelwal und Weißschnauzendelfin gehören zu den häufig gesichteten Arten. Die Meeresbiologische Forschungsstation der Universität Island in Reykjavik dokumentiert Bestandsveränderungen und veröffentlicht entsprechende Daten regelmäßig. Auch das Háskóli Íslands, die Universität Island, betreibt umfangreiche Umwelt- und Geowissenschaftsforschung zur Ökologie der Insel.
Planung: Wann und wie reisen?
Island ist ganzjährig bereisbar, aber die Erwartungen sollten zur Jahreszeit passen. Im Sommer zwischen Juni und August sind alle Straßen offen, die Tage sind bis zu 24 Stunden hell, und die Temperaturen erreichen im Süden 15 bis 20 Grad. Im Winter bietet die Dunkelheit ideale Bedingungen für Nordlichter, sobald die Kp-Index-Aktivität ausreichend hoch ist. Die Ringstraße, Route 1, ist 1.332 Kilometer lang und ganzjährig befahrbar, jedoch im Winter bei Schneeglätte riskant.
- Frühjahr (April bis Mai): wenige Touristen, Schnee in höheren Lagen, Vögel kehren zurück
- Sommer (Juni bis August): beste Bedingungen für Hochlandrouten und Trekking
- Herbst (September bis Oktober): Nordlichter beginnen, Vegetation färbt sich golden
- Winter (November bis März): Nordlichtpeak, kurze Tage, Hochland gesperrt
Wer Island ernsthaft erkunden will, braucht mindestens zehn Tage für die Ringstraße, besser zwei Wochen. Wer nur den Goldenen Kreis und die Südküste sieht, nimmt einen Bruchteil dessen mit, was die Insel bereithält. Das Innere des Landes, die Fjorde im Westen und Osten sowie der Norden um Akureyri bleiben für viele Besucher terra incognita, obwohl sie landschaftlich zu den intensivsten Erfahrungen auf Island gehören.